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atelier hpca - Outsider Art: Hintergrund

NAHE DRAN - Das Rätsel künstlerischer Schöpfung im Werk von Außenseitern

Einführung zur Ausstellung Nahe Dran am 10. 12. 2008 im Forum Unterschleißheim

Diese Ausstellung wurde angekündigt mit dem Titel NAHE DRAN - OUTSIDER ART aus dem atelier hpca. Dieses OUTSIDER mag für manche von Ihnen befremdlich klingen. Zumindest erklärungsbedürftig ist, dass Künstler sich ebenso bewusst wie selbstbewusst als Außenseiter titulieren und begreifen können. Selbst wenn dies ihrer kulturellen Gewichtung heute vielleicht entsprechen mag, könnte diese Bezeichnung befremden. Die scheinbar provokante Vokabel findet jedoch eine Erklärung, sobald wir einmal in die Geschichte dieser Kunst blicken, um die es hier geht. Und diese ist viel älter als wir vermuten.

Aus dem Jahr 1520, der Blüte der italienischen Renaissance also, stammt das rätselhafte Gemälde des Künstlers Giovanni Francesco Caroto. Es zeigt einen offenkundig ebenso be- wie entgeisterten Jüngling, der dem Betrachter seine einfache ungelenke Strich-Zeichnung, eine stilisierte Figur, zur Betrachtung stolz entgegen hält. Es ist dies, soweit wir wissen, das erste Mal, dass das Werk eines naiven, spontanen, unzivilisierten Zeichners als kunstwürdig im Bild gezeigt wurde.

Das große Rätsel der künstlerischen Schöpfung, lässt sich da am besten begreifen wo es noch Rätsel bleibt, nämlich an den von jeder kulturellen Überformung unberührt gebliebenen Schöpfern. Das Bewusstsein von den unterschiedlichen Wurzeln und den unterschiedlichen Funktionen der Kunst ist also sehr alt, so alt wie unsere neuzeitliche Kultur selbst. Es entstand zugleich mit ihr - ja, es reicht zurück bis in die italienische Renaissance, aus der wir bis heute unsere Vorstellungen von Kunst herleiten.

1580 lieferte Michel de Montaigne eine Beschreibung der Grotte in der Villa Costello, einen skurilen Skulpturenpark. Der englische Künstler William Hogart, zeigt 1734 in einer Radierung einen psychiatrischen Patienten, der gerade dabei ist, die Anstaltswand mit schematischen Zeichen zu bemalen. Vom Jahr 1755 stammt Rousseaus Bildungsroman "Emile" und seine Idee eines "edlen Wilden", der vor dem gefährdenden Einfluss der Zivilisation zu schützen sei. Goethe besichtigte 1787 den Palagonia-Palast nahe Palermo und gibt eine mehrseitige Schilderung davon in der "Italienische(n) Reise"1. 1829 veröffentlicht der Dichter Justinus Kerner das Studien-Heft der hellsichtigen Malerin Friederike Hauffe. Und so könnte man fortfahren durch die Zeit.

Die künstlerische Grenzerfahrung begleitet die Entstehung von Hoch-Kultur und 'mainstream'-Kunst zu jeder Zeit und sie findet sehr bald auch ihren festen Platz darin und ihre Würdigung, als dasjenige, was die Kultur mit hervorbringt und was - von Außen - auf sie Einfluss nimmt.

Drei Psychiater und viele Künstler sind es schließlich, die am Beginn des 20- sten Jahrhunderts die bildnerische Arbeit von Psychiatrieinsassen erstmals als Zeugnisse der Kunst veröffentlichten. Bekannt geworden ist vor allem der Heidelberger Arzt Hans Prinzhorn, der 1922 sein Buch "Bildnerei der Geisteskranken" veröffentlichte und damit eine tiefe Erschütterung in der Kunstwelt auslöste. Paul Klee feierte dies Werk über die Arbeiten der, hospitalisierten psychisch kranken oder geistig behinderten spontanen Zeichner als "Bibel der Moderne".

Geradezu euphorisch haben die meisten Künstler der klassischen Moderne in Europa das Bekanntwerden solcher Außenseiter-Werke aufgenommen. In ihren Bildern und Schriften feierten sie die "reine Erfindungsgabe", "die Wunder des Künstlergeistes, die aus den Tiefen jenseits alles Gedanklich-Überlegten heraufdämmern" (Alfred Kubin). Die hohe Wertschätzung, die sie diesen Arbeiten der "geistig" behinderten oder erkrankten Künstlern entgegen gebracht haben, galt der absoluten Freiheit des schöpferischen Menschseins, die man in ihren Werken ausgedrückt findet.

Entscheidend wurde schließlich der Künstler und Theoretiker Jean Dubuffet, der seit 1945 die Werke dieser "Irregulären" in einer großen Sammlung zusammentrug und sie unter dem Begriff der "Art Brut", als eine Kunst quasi im Rohzustand, der kulturellen Überformung gegenüberstellte. Jedoch, so schreibt Jean Dubuffet, "alle Beziehungen ( und sie waren zahlreich ), die wir zu unseren Kollegen mit der Schellenkappe hatten, haben uns überzeugt, dass die Mechanismen des künstlerischen Schaffens, die sie zur Verfügung haben, bei ihnen ganz genau die gleichen sind wie bei jedem sogenannten Normalen [...].

Nach Dubufetts Auffassung gibt es, bei aller formalen Verschiedenheit der Resultate, ein vereinigendes Moment von Kunst. Dieses gemeinsame Prinzip aller Kunst ist der Schöpferische Prozess. Kunst bedeutet nicht die Nachahmung eines Vorhandenen, sondern sie ist immer absolute Neuschöpfung der Wirklichkeit aus dem eigenen Inneren, die sich im künstlerischen Schaffensprozess ereignet.

Es ist nicht übertrieben festzustellen, dass es heute kaum einen ernsthaften Künstler von Rang gibt, der sich nicht mit der Werk der Outsider Künstler auseinander gesetzt hätte. - Um nur Horst Antes, Georg Baselitz, A.R. Penck, Arnulf Rainer als die wichtigsten zu nennen.

Vor etwa 40 Jahren begann diese künstlerische Bewegung der Outsider sich schließlich auch aus dem Gebiet der heilpädagogischen Behindertenhilfe zu Wort zu melden. Die Diakonie Stetten im Remstal und die so genannten "Schlumper" in Hamburg waren die ersten, die kontinuierliches künstlerisches Schaffen in einem dafür eingerichteten Atelier ermöglichten. 1985 wurde eine Ausstellung der Stettener Diakonie auf Welttournee geschickt, war selbst in Kairo und Sao Paulo zu sehen. Damals noch eine Sensation.

Es war 1992, da ließen sich im Heilpädagogischen Centrum Augustinum in München und Oberschleißheim auch die Verantwortlichen von den Werken anstecken und überzeugen, die in einigen arbeitsbegleitenden Malangeboten entstanden waren und die dann sehr bald auf Ausstellungen durch Bayern tourten. 1995 wurde ein Atelier bereit gestellt, die Zeit für das Malen wurde ausgedehnt und das Angebot professionalisiert. Bereits 2000, damals noch einmalig in Deutschland, wurden Künstlerarbeitsplätze eingerichtet. Seit 2005 bietet das Atelier nun 23 Künstlern Raum zum Arbeiten, neun davon in Vollzeit.

Das Atelier ist aber noch mehr als dies, nämlich zugleich eine Kulturinstitution, ein gesuchter Partner von Galerien, Museen, Veranstaltern auf dem Gebiet der Outsiderart. Die Liebhaber und Sammler dieser Kunst kommen heute nicht mehr nur aus ganz Deutschland, sondern aus Wien, Zürich, Paris, aus New York und Kyoto.

Wie Sie sehen, die hier ausstellenden Künstler sind in diesem Sinne keine Laien, sondern Profis. Die meisten von ihnen arbeiten seit Gründung des Ateliers, seit über 15 Jahren, konstant und kontinuierlich an ihrem Werk. Weiterhin aber so rätselhaft wie zu Beginn - und wie in jener frühen Darstellung von Giovanni Francesco Caroto - bleiben diese ihre Bilder: Frisch wie am ersten Tag, und ebenso begeistert wie Paul Klee sind wir über ihre formale Erfindungsgabe. Dies - erstens - soll diese Ausstellung nahe bringen, die künstlerische Meisterschaft und Intensität des Ausdrucks. Sie soll ihre Betrachter hautnah am Geschehen der Bildschöpfung teilnehmen lassen. Dazu haben wir für diese Präsentation überwiegend das kleine Format ausgewählt. Die Zeichnung, die Kaltnadelradierung und die spontane Bildcollage, denn sie bewahren in Strich und Geste die ganze Unmittelbarkeit der persönlichen Handschrift und der künstlerischen Erfindungskraft.

Nahe dran will aber auch heißen, dass wir als Betrachten hier nahe dran sind am Rätsel der künstlerischen Schöpfung. Was wir nicht vergessen sollten, über dem formalen Feuerwerk dieser Arbeiten, ist die existenzielle Notwendigkeit, aus der heraus sie geborgen sind - als Bilder, nicht als intellektuelles oder kulturell verabredetes Spiel der Ästhetik. Als Bilder aber, die zu jedem Zeitpunkt stehen müssen für das Leben eines Menschen mit dem persönlichen Handicap von Einschränkung und Bevormundung, von Verlust an Freiheit und Möglichkeiten der Selbstbestimmung. Träume, Visionen, Sehnsüchte, wie wir alle sie haben, nur stärker, weil klarer gefühlt, geben diesen Bildern ihren Inhalt und ihren Sinn.

Da ist die unglaubliche Grazilität, feenhafte Leichtigkeit, zugleich Individualität in den Blumen der Andrea Leierseder, verbildlicht als ein Tagraum und Wunschbild des eigenen Seins. Das Tier in seiner kreatürlichen Selbstbewusstheit in sich ruhend, sich selbst ganz ausdrückend, finden wir als Motiv, als Emblem, in den Arbeiten von Christine Fredl. Das ist kein Zufall, sondern tief bewusste Projektion, sich da hinein zu versetzen und ein Vorbild des Seins darin zu vermuten. Das gleiche finden wir bei Thomas Schlimm, der in seinen Zirkusbildern die spannungsvolle Einheit von Tier und Mensch als Spiegel des Lebens begreift. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, ein Krokodil. Die dunkle Weisheit und Verschwiegenheit der Tiefsee-Fische, in sie Christine Fredl, Affe versenkt sich - oft tagelang daran arbeitend - Sabine Münch. Und das sieht man. Ihr Strich mit der Radiernadel mag diese Dichte erzeugen, und viel Geheimnisvolles, Unausgesprochenes, auszudrücken.

Die Sehnsucht und die erträumte Freiheit von Reisen und Naturerfahrung sucht sich in den Landschaften von Peter Cäsar, Bergdorf Peter Cäsar ihr Ziel. Meisterhaft wie er die schwerblütige Kunst der Kaltnadelradierung zum Schweben und Fliegen verleitet. Ganz anders, aber auch hier ganz nah, die schwergewichtigen Stahllokomotiven von Franziskus von Branca. Kindheitstraum und biografischer Reflex zugleich. Aber auch das dynamische Spiel der Häuser-Formen als Wortspiel mit dem eigenen Namen, "Hauser", bei Thomas Hauser ist jener lange Weg zu sich selbst; auch dann, wenn er scheinbar kreisend und ausweglos verläuft. Ganz anders bei Klaus Zelmer, der sich in seinen Gedanken und Collagen-Bildern weit über den Horizont hinaus im Universum bewegt, frei und unbehindert.

Meine Damen und Herren, ich habe Sie ein wenig mitzunehmen versucht in die kulturschaffende, kultur- und identitätsstiftende Welt der Außenseiter, von der Renaissace bis heute. Eine Welt der Nähe zu den Dingen, der wir hier ganz unmittelbar begegnen. Sie, die Außenseiter, sind das Salz in der Suppe. Das ist wohl ihr Auftrag, und den nehmen sie sehr ernst.

Klaus Mecherlein M.A.